Folge 8
Diese Frage hatte er nicht erwartet. Schließlich ging er – schon aus
beruflichen Gründen – davon aus, dass hier Verbrecher am Werk sind und diese es
auf seine nicht vorhandenen Reichtümer abgesehen hatten. Oder aber einer seiner
‚Fälle‘ wollte nun Rache an ihm verüben. Insp. Homes antwortete mit leicht sarkastischem
Unterton „Wer will das wissen?“. Mit dieser Antwort hatten die Stimmen nicht
gerechnet. Fluchtartig und ohne röchelnde Geräusche verließen sie den Raum. Insp.
Homes war nun wieder allein. Langsam gewöhnten sich seine Augen wieder an die
Dunkelheit. Der Lichtkegel hatte ihn ja voll geblendet. In der Dunkelheit
konnte er Umrisse von Fässern und Kisten erkennen. Irgendwo in einem hinteren
Eck vernahm er auch ein leichtes Klappern. „Bitte keine Ratten“ dachte sich
Insp. Homes. Er hatte fürchterliche Angst vor Ratten. Er fürchtete sich vor
vielen Dingen, aber Ratten standen ganz, ganz oben auf seiner Liste. Plötzlich
wurde das Klappern auch noch lauter und befand sich auf direktem Weg zu ihm. Da
er auch noch mit dem Kopf voraus auf der Erde lag und seine Hände hinter dem
Rücken und seine Füße angewinkelt gefesselt waren, konnte er sich nicht einmal
aufsetzen. Er malte sich bereits aus, wie sich die Ratte gemütlich auf seinem
Kopf austobte.
Was bisher geschah:
Kapitel 1: Dunst steigt auf
Folge 1
Frühmorgens in der Kleinstadt Senfort. Um diese Zeit war es wie immer
unbeschreiblich ruhig. Nur vereinzelt konnte man bereits angegangene Lichter in
den Häusern sehen. In der Morgenluft lag der Duft des Frühlings, doch der April
machte wieder einmal seinem Namen alle Ehre und bot Temperaturen von tropisch
warm bis hin zur Eiseskälte. Insp. Andrew Homes war wie immer mit seinem
silbergrauen Landrover auf dem Weg in sein Büro. Im Kreuzungsbereich der Bucker Street mit der
Eisenbahnlinie gingen die Ampeln plötzlich auf rot. Doch es war weit und breit
noch keine Eisenbahn zu sehen. Einen kurzen Moment überlegte er weiter zu
fahren, entschied sich dann aber doch anders und blieb mit seinem Auto stehen.
Da noch immer keine Eisenbahn zu sehen war, stellte er den Motor ab. In diesem
Moment blieb auf der gegenüberliegenden Seite ein roter Chevrolet stehen, doch
durch die Dämmerung konnte Insp. Homes nicht erkennen, wer am Steuer saß.
Folge 2
Ein paar Sekunden vergingen, doch Insp. Homes kam es wie eine halbe
Ewigkeit vor, als er plötzlich die Lichter des Zuges sah. Der rote Chevrolet
hatte den Motor noch immer nicht abgestellt und aus dem Auspuff qualmte es
mittlerweile gewaltig. In der Zwischenzeit hatte sich noch ein weiteres Auto
hinter dem roten Chevrolet eingefunden. Leider konnte Insp. Homes noch immer
nicht erkennen, wer hinter dem Steuer saß. Plötzlich grellte ein lauter
Pfeifton durch die morgendliche Stille. Vögel flogen auf und mit einem Donner
raste ein spärlich besetzter Zug vorbei. Die beleuchteten Fenster zischten wie
aufgefädelt vorüber und nur schemenhaft waren vereinzelt die Köpfe der Insassen
als dunkle Flecken zu erkennen. In wenigen Sekunden war der Zug dahin und der
rote Chevrolet tauchte auf der gegenüberliegenden Seite wieder auf. Insp. Homes
startete wieder das Auto, doch die Ampeln der Eisenbahnkreuzung waren noch rot.
Folge 3
Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis die Ampeln der Eisenbahnkreuzung
ausgingen und wieder freie Fahrt signalisierten. Insp. Homes wollte gerade
losfahren, als im selben Augenblick der rote Chevrolet mit lautem Getöse und
quietschenden Reifen an ihm vorbeischoss. Es blieb gerade noch Zeit einen
kurzen Blick auf die Insassen zu werfen. Ein Mann und eine Frau saßen im Auto.
Der Mann, welcher am Steuer saß, wirkte sehr hellhäutig und hatte eine
auffallend große Narbe, die sich über die linke Wange zog. Da die Frau auf der
Beifahrerseite saß, konnte er von ihr nur eine dunkle Mähne erkennen. Nichts
desto trotz setzte Insp. Homes seinen Weg ins Büro fort und bog nach der
Eisenbahnkreuzung links in die Railroad Street ein. Es war eine schmale Straße,
welche erst vor kurzem geteert wurde und direkt am Bahnhof vorbeiführte. Kurz
nach dem Bahnhof wurde er langsamer. Er hielt mit seinem Landrover bei einem
großen Haus auf der rechten Straßenseite an, stieg aus und warf einen
vorsichtigen Blick über das Einfahrtstor. Ein bissiger Geruch
von der frisch geteerten Straße lag noch in der Luft.
Folge 4
Das Haus, welches hinter einer dichten Hecke stand, wurde seit einer
geraumen Zeit zum Verkauf angeboten. Es handelte sich dabei um ein altes,
ehrwürdiges Herrschaftshaus und wurde von einem pensionierten Rechtsanwalt
bewohnt. Eine schmale Zufahrtsstraße bahnte sich seinen Weg entlang der
Grundstücksgrenze zum Haus. Insp. Homes hatte erst neulich in einer
Tageszeitung ein Inserat von einem Makler für dieses Haus gesehen. Nun stand er
da und lies seine Blicke über das Grundstück schweifen. Durch die Dämmerung
wirkten die zahlreich gepflanzten Büsche finster und bedrohlich. Das
Einfahrtstor stand offen und er konnte kein Licht im Haus erkennen. Aus diesem
Grund entschied sich Insp. Homes einen Rundgang auf dem Grundstück zu machen.
Sein Interesse an Häusern bestand nicht
unbedingt aus Kaufinteresse, sondern es interessierten ihn vielmehr die
Geschichten, die hinter den Fassaden von alten Gemäuern lagen. Könnten Häuser
sprechen, hätten sie viel zu erzählen. So auch vermutlich dieses Haus, dass
doch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte. Und nicht selten waren Häuser
auch Ausgangspunkte für Verbrechen. Plötzlich hörte er ein Knacken hinter sich.
Folge 5
Blitzschnell wirbelte Insp. Homes herum und hob die Hände, instinktiv
zu Fäusten geballt, schützend vor seinen Körper. In diesen Situationen kam es
ihm zugute, dass er seit seiner frühesten Kindheit regelmäßig zum Boxtraining
ging. Just in dem Moment hüpfte eine schwarze Katze aus dem Gebüsch und
schlenderte schnurstracks auf ihn zu. Insp. Homes bückte sich und ging auf die
Knie um die Katze zu streicheln. Schlagartig spürte er einen stechenden Schmerz
am Hinterkopf und es wurde dunkel. Er fiel kopfüber in die feuchte Wiese und
blieb regungslos liegen. Der Kopf brummte ihm gewaltig als er wieder zu sich
kam und es fröstelte ihn am ganzen Körper. Als er sich bewegen wollte, um
wieder aufzustehen, bemerkte er, dass er seine Arme und Beine nicht bewegen
konnte. Augenblicklich begriff Insp. Homes, dass er im kalten Gras lag und
seine Arme und Beine mit Klebeband umwickelt waren. Er drehte seinen Kopf nach
rechts und blickte direkt auf ein Paar mit Dreck überzogenen Gummistiefeln.
Eine krächzende alte Frauenstimme sagte „Das haben Sie davon!“
Folge 6
Insp. Homes verrenkte seinen Kopf, um ein wenig nach oben blicken zu
können. Sein Kopf brummte noch gewaltig und er zitterte aufgrund der Kälte am
ganzen Körper. Als sich seine Augen so langsam wieder an die Dämmerung gewöhnt
hatten, blickten ihn zwei verschmitzte, aber alte Augen an, die ihn ausgiebig
musterten. Gerade als er etwas sagen wollte, machte es Dong und die Lichter
gingen erneut aus. Als Insp. Homes ein zweites Mal zu sich kam, hatte er keinen
Plan wie spät es war, geschweige denn, wo er sich befand. Er spürte nur diesen
pochenden, immer wieder kehrenden Schmerz an seinem Kopf und auch die Kälte
kroch langsam wieder an ihm herauf. Er bemerkte auch, dass er sich nicht
bewegen konnte, auf dem Bauch lag und irgendwie alles feucht und nass war. Vor
lauter Dunkelheit konnte er überhaupt nichts sehen. Langsam erinnerte er sich
wieder daran, dass er bei einem Haus Halt gemacht hatte und auch ein altes,
verschwommenes Frauengesicht kam immer wieder in seinen Gedanken zum Vorschein.
Aber das war auch schon alles. Plötzlich hörte er ein lautes Knarren und ein
heller Lichtstrahl leuchtete direkt in sein Gesicht.
Folge 7
Der Lichtstrahl kam mit schneller Geschwindigkeit näher und näher. Kurz schoss
es ihm ein: "Hoffentlich lieg ich nicht auf einer Eisenbahnstrecke".
Doch außer ein dumpfes Schnaufen und ein schleifendes Geräusch, welches eher an
einen alten, angeschossenen Köter, als an eine Lok erinnerte, konnte Insp.
Homes nichts hören. Also verwarf er diesen Gedanken wieder, so schnell wie er
gekommen war. Plötzlich verstummte das schleifende Geräusch und es war nur mehr
dieses Röcheln zu hören. Der Lichtkegel, der direkt auf sein Gesicht gerichtet
war, befand sich nun, nur mehr ein paar Meter von ihm entfernt. Für einen
kurzen Moment war absolute Stille in dem Raum. Doch es dauerte nicht lange und
die Stille ging in ein Flüstern über und endete in einer energischen, aber
dennoch leisen Diskussion. Homes, welcher noch immer nicht ganz bei Sinnen war,
konnte nur einzelne Brocken verstehen. Nach ein paar Sekunden, welche ihm wie
Minuten vorkamen, fragte eine tiefe und erhabene, aber dennoch mit jugendlichem
Charme versetzte Stimme: "Wer sind Sie?"